Märchenspeisen
Was isst du am liebsten? Vielleicht bist du eine Naschkatze? Was hältst du von: Eis, Bonbons, Gemüse, Brot, Fleisch, Gewürzen, Kuchen, Obst. Und dazu noch Nahrung für die Seele.
Speis und Trank spielen im Märchen eine große Rolle. Hat man nichts zu essen, dann herrscht große Not. Und jedes Abenteuer wird unternommen, um Essen zu bekommen. Oder man hat zu viel zu essen, weil der Zauberspruch vergessen wurde. Viele Verwicklungen sind möglich in der Zauberwelt der Märchen.
Zwei Kinder werden von Vater und Mutter fortgeschickt, weil die Not so groß ist. Sie machen sich auf ihren Weg und naschen von einem Hexenhäuschen, sie probieren eine Speise, die sie noch nie vorher gesehen oder geschmeckt haben – das sieht einfach köstlich aus, was da an dem Häuschen klebt – und sie brechen ein Stückchen ab und beißen hinein. Und damit beginnt ein großes Abenteuer, wie das ausgeht, wisst ihr bestimmt.*1
In einem anderen Märchen macht sich ein Fischer auf den Weg, weil es im Meer keine Fische mehr gibt und alle im Dorf hungern. Er begibt sich auf die Suche und muss Abenteuer bestehen, bis er die Meereskönigin findet, die ihm hilft. *2
Eine Königin verkleidet sich, gibt sich als Apfelverkäuferin aus und schenkt ihrer ahnungslosen Stieftochter einen vergifteten Apfel, damit sie stirbt und sie selbst die Schönste im ganzen Land sein kann. Dass das für die Königin nicht gut ausgeht, wisst ihr bestimmt.*3
Es gibt aber auch einen Apfel, der eine kranke Königstochter wieder gesund macht, weil ein junger Bursche ihr diesen Apfel aus seinem Garten bringt.*4
Essen und Trinken ist nun nicht nur eine Lebensnotwendigkeit, sondern bedeutet auch Genießen und Wohlbehagen. Seine Sehnsucht, Speise und Trank alle Tage zu haben, veranlasst den „Hans im Glück“ immer wieder zu neuen Tauschgeschäften. Jeder neue Tausch entfacht bei ihm eine neue Vorstellung von köstlichem Essen, er sieht den fetten Braten schon vor sich, schlürft köstliche Milch.*7
Du braucht Stärkung. Essen. Und hast grad Hunger. Da stibitzt du vielleicht etwas, das eigentlich gar nicht für dich bestimmt ist, worauf du aber Lust hast. Das hat natürlich Folgen, ganz unerwartete Folgen.
Lies das Märchen von dem Mädchen, dass so gern Würste isst und du wirst erstaunt sein und es vielleicht auch gleich ausprobieren.
Das Mädchen spielt mit den Würstchen herum, hängt sich je ein Paar Würste an die Ohren, schlenkert mit dem Kopf hin und her, dreht sich im Kreis. Die Würste fliegen ihr direkt in den Mund, sie beißt hinein und verspeist sie dabei Stück um Stück. Was für ein Vergnügen! Ich höre ihr Lachen und Schmatzen, sehe sie tanzend die Würste essen.
Drei kranke Feen, die das beobachten, lassen sich von dieser gebündelten Energie anstecken, werden so vergnügt, dass sie wieder gesund werden.*5
Wenn genug Essen da ist, ist das wunderbar. Vielleicht kommt eine Zauberfee und schenkt dir einen Zauberspruch, mit dem du immer genug zu essen hast.*6
Denk dran, dir den Zauberspruch gleich aufzuschreiben, nicht, dass du ihn etwa noch vergisst… Es gibt natürlich auch ein Rezeptbuch, in dem köstliche Märchenspeisen zusammengestellt sind.*8
Stellt euch vor, der Pfannkuchen ist fertig, genau nach Rezept hergestellt und liegt gebraten in der Pfanne und ihr wollt schon reinbeißen, da springt er euch aus der Pfanne, oh je. Wie das ausgeht?*9
Und wenn ihr noch mehr Lust auf Märchen von Speis und Trank habt, meldet euch, ich erzähle sie gern.
Beste Grüße, Sigrid Nolte Schefold
Zum Nachlesen:
*1 Hänsel und Gretel, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
*2 Das Geschenk der Meereskönigin, Norddeutsche Märchen, Sammlung Nick Barkow
*3 Schneewittchen, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
*4 Der Apfel der Gesundheit, Märchen aus Deutschland, abgedruckt in Märchenforum Die Zeitschrift für Märchen und Erzählkultur, Heft Nr. 37/2008, Mutabor Verlag Schweiz
*5 Das Mädchen, das so gern Würste aß, Kroatien, abgedruckt in Die Zeitschrift für Märchen und Erzählkultur, ebenda Seite von 3 3
*6 Der süße Brei, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
*7 Hans im Glück, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
*8 Grimms Kochbuch. Märchenhafte Rezepte aus dem Hause Grimm, G. Sollner Leipzig 2013
*9 Der dicke fette Pfannekuchen, Das Märchen wurde mündlich überliefert und dann vor ungefähr 250 Jahren aufgeschrieben von Carl und Theodor Colshorn, sie haben es in ihre Sammlung aufgenommen „Märchen und Sagen aus Hannover“.
Und auf Plattdüütsch findest du es, aufgeschrieben von Karl Müllenhoff. Er hat vor gut 150 Jahren gelebt und war Professor für deutsche Sprache und Literatur in Kiel und Berlin.

